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Vorsicht, ich boome noch!

Als vorläufig letztes Düsseldorfer OpenAirTheater auf dem Vorplatz hatte sich das Haus „Die unendliche Geschichte“ vorgenommen.

Den ersten Teil, die Rettung Phantasiens, hatte Vontobel in seinem ersten Jahr als Schauspieldirektor in Bern schon sehr erfolgreich als Weihnachtsstück präsentiert. Das sollte nun im Großen Haus sozusagen gecovert werden, andere Besetzung, gleiche Inszenierung. Daß der Gedanke „Ist ja eigentlich schon fertig, braucht also nicht viel Zeit“ ein falscher war, wurde relativ schnell klar. Auch wenn Bühnenbild und Kostüm und Musik und Vorgänge und technische Umbauten alle schon fertig gedacht und sogar erprobt waren, sie mußten ja trotzdem erst mal von den Düsseldorfer Akteuren und Technikern gelernt, geübt und ausgeführt werden.

Der zweite Teil der Vorlage, die Reise durch Phantasien, sollte dann auf dem Vorplatz stattfinden und mußte ganz neu entworfen und inszeniert werden. Wie seinerzeit bei Rheingold kamen auch hier Livekameras ins Spiel und Pyrotechnik und Nebelmaschinen und ein umgebautes Auto und eine Liveband.

Eine fertige Inszenierung in relativ kurzer Probenzeit zu covern ist kein wirklicher Spaß für die Darsteller. Es ist etwas völlig Anderes, ob ein Regisseur seine Inszenierung mit Dir zusammen entwickelt, oder ob Du etwas mit einem fremden Kollegen Vorproduziertes quasi übergestülpt bekommst. Die einen Darsteller hatten ohnehin keine Lust auf Vorplatz und Märchenstück, die anderen sträubten sich innerlich instinktiv gegen Ansagen, die mit ihnen gar nichts zu tun hatten. Die Stimmung während der Proben des ersten Teils war also nicht wirklich prickelnd und statt sich zum Ende der Intendanz noch mal einen gemeinsamen Spaß zu machen, nörgelten sich einige Darsteller unzufrieden oder unglücklich durch die Proben. Daß ausgerechnet der Darsteller von Glücksdrachen Fuchur, Alexander Wanat, nicht dazu gehörte, sondern jeden Tag mit guter Laune, konstruktiver Haltung und eigenen Einfällen ans Werk ging, war dann wirklich ein Glücksfall für die Produktion. Er sorgte entscheidend dafür, daß die Arbeitsatmosphäre trotz allem eine kreative und angenehme blieb.

Als der erste Teil halbwegs fertig war, ging es hinaus auf den Vorplatz. Da saß ich entweder stundenlang in der vorsommerlichen Sonne und briet langsam gar oder fror an bedeckten Tagen trotz zweifacher Winterschichten schier an der Tribüne fest. Für die Tage, an denen das Wetter gar keine Außenaktivitäten zuließ, stand uns aber eine alte Fabrikhalle im Düsseldorfer Süden zur Verfügung, nicht wirklich weit von meiner allerersten externen Probebühne in Oberbilk entfernt. Noch einer der Kreise, die sich jetzt gegen Ende schlossen.

Zwischendrin waren einige Darsteller auf dem erwähnten „MobbyDick“Gastspiel in New York, also wurde mit den Daheimgebliebenen weitergeprobt. Die Gastspieler kamen völlig beseelt zurück. Und langsam wurde auch die Stimmung ein bißchen besser und entkrampfter.

Wie alle Freiluftinszenierungen war auch „Die unendliche Geschichte“ ein dauerhaft ausverkaufter Erfolg. Vor allem der erste Teil auf der Bühne mit seinen ebenso beeindruckenden wie poetischen Bildern machte die Zuschauer glücklich. Das dunklere, lautere, in seinen Mitteln notgedrungen grobere Treiben auf dem Vorplatz war dann nicht Jedermanns Sache, aber den Spaß ließen sich die Zuschauer davon trotzdem nicht verderben. Und zu dem trugen neben dem Publikumsliebling Fuchur wesentlich auch Florian Lange als Maulesel Jicha oder Jonas Friedrich Leonhardi als cooler Affe Argax bei.

Letzterer versank übrigens im ersten Teil zum tränenreichen Bedauern nicht nur der kindlichen Zuschauer als Atrejus Pferd Artrax in den Sümpfen der Traurigkeit. Und machte uns allen zur Premiere wieder einmal das ausgefallendste und witzigste Geschenk: Wir bekamen Strümpfe der Traurigkeit, ich zum Beispiel ein besonders schönes Paar mit einem roten Pferdekopf darauf.

Das Wetter war während der Vorstellungen ein bißchen ungnädiger als in den Jahren zuvor. Aber dafür hatten die Zuschauer immerhin schon ein ganzes Theaterstück gesehen, wenn das zweite ausfallen mußte.

Bei mir mehrten sich jetzt die letzten Male. „Die unendliche Geschichte“ war meine letzte Inszenierung. Es gab fast jede Woche von irgendeinem meiner Stücke eine Derniere. Cabaret, das der neue Intendant im Spielplan behalten wollte, würde meine allerletzte Vorstellung sein. Als letzte Proben sollte ich noch drei Wochen Vorproben für das neue Team machen. Und André arbeitete an einer großen Abschiedsgala, mit der die Ära Schulz dann endgültig abschließen würde. Für die letzte der drei Vorstellungen davon konnte man als Ensemblemitglied Eintrittskarten gewinnen und ich hatte Glück.

Natürlich war bei alldem auch Wehmut im Spiel. Aber vor allem das sehr sichere Gefühl, daß es ein guter Zeitpunkt war, sich zu verabschieden. Nach einem halben Jahrhundert. Und nicht, wenn ich mußte, sondern wann ich wollte.

Also nahm ich mir fest vor, die letzten Male allesamt vor allem zu genießen.


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