vorsichtichboomenoch

Vorsicht, ich boome noch!

So.

Und damit war mein halbes Souffleusenjahrhundert vorbei.

Und mein Rentnerdasein begann.

Es fühlte sich die ersten Wochen nicht so an. Es waren ja ganz normale Theaterferien. Erst als die Exkollegen wieder zu den Proben antreten mußten und ich jeden Tag einen Tagesplan las, auf dem ich nicht stand, begann es sich auch dauerhaft anzufühlen.

Aber noch stand ja mein Urlaub aus. Und erst als wir aus dem wieder zurückfuhren und mir klar wurde, daß ich mich trotzdem nicht wieder zur Arbeit einfinden muß, glaubte ich es wirklich:

Ich bin im Ruhestand.

Das ist ein merkwürdiger, vieldeutiger Begriff: Ruhe-Stand.

Man hat jetzt Ruhe. Man kann jetzt ruhiger werden. Sie lassen einen in Ruhe.

Aber wird nun auch von einem erwartet, daß man sich ruhig verhält? Also still? Am besten stumm?

Soll Ruhestand bedeuten, hier ist jemand in die zweite Reihe getreten, hält sich zukünftig zurück und geht nicht mehr vorwärts?

Oder bedeutet es, die Ruhe versetzt ihn in den Stand, seine eigenen Ziele zu verfolgen, die von ihm bevorzugten Dinge zu genießen, Zeit mit ihm lieben Menschen zu verbringen, sich für seine Anliegen zu engagieren, also einfach in aller Ruhe das zu tun, was ihm selber wichtig ist?

Ist es nicht auch weiterhin und gerade jetzt viel weniger entscheidend, was andere von einem erwarten, als was man selber mit sich anfangen will?

Das ist ja gerade das Schöne am Rentnerdasein, daß man nicht mehr jeden Tag von anderen verplant wird, daß keiner mehr was von einem fordern und wollen kann, es sei denn, man räumt ihm dieses Recht selber ein.

Es gibt noch Dinge, die man tun muß.

Aber es gibt keinen mehr, der es einem sagen darf.

Man muß nur noch, wovon man selber denkt, daß es Not tut.

Jedenfalls solange man noch in der Lage ist, vernünftige eigene Entscheidungen zu treffen.

Das macht fast so ein großes Fenster mit einem Ausblick bis zum Horizont auf wie damals, als man die Schule hinter sich hatte und das Leben vor sich und einem absolut alles möglich schien.

Nur daß der Horizont jetzt deutlich näher gerückt ist. Und die Stimme im Kopf, die realistischerweise zu vielen Dingen „unmöglich“ sagt, ein bißchen überzeugender klingt.

Aber es kommt immer noch viel frische Luft herein, wenn man das Fenster öffnet. Und wenn man zum Horizont blickt, tuen sich immer noch Wege auf.

Man kann sie gehen.

Oder sich gemütlich hinsetzen und ihnen mit dem Blick folgen.

Und es liegt ganz bei einem selbst.


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