Friedhöfe.
Nein, ich habe jetzt nicht gerade den Rentnerblues und bin ins Grübeln über die eigene Vergänglichkeit verfallen.
Passiert auch manchmal.
Weniger des Rentnerseins wegen, als wenn mir einfällt, wie alt ich inzwischen bin. Und daß es mit 70 ziemlich optimistisch ist, davon auszugehen, daß man noch gut 20 Jahre vor sich hat.
Ich gehe trotzdem davon aus.
Aber denke auch manchmal sowas wie, das ist die letzte Katze, die ich adoptiere, oder das sind die letzten Wanderschuhe, die ich mir kaufe.
Meine Mutter hat uns jahrelang wahnsinnig gemacht damit, Heiligabend mitten im schönsten familiären Festschmaus zu sagen „Vielleicht ist das mein letztes Weihnachten.“
Inzwischen verstehe ich es.
Nun sind letzte Male ja leider nicht altersgebunden.
Alles, was man tut, kann theoretisch das letzte Mal sein, weil das Leben eben nicht fair spielt und nicht alle Menschen alt werden läßt.
Trotzdem denkt man öfter darüber nach, wenn einem schon rein rechnerisch klar ist, daß letzte Male immer wahrscheinlicher werden und immer näher rücken.
Aber das sind nicht die Gedanken, die ich mit Friedhöfen verbinde.
Ich mag Friedhöfe.
Mochte ich schon als Kind.
Meine Mutter und ich pflegten das Grab von Onkel Wilhelm. Der hatte unter den Nazis als alter Sozialdemokrat im KZ gesessen, war aber lebend wieder herausgekommen, nur um kurz nach dem Krieg in Düsseldorf von einer Straßenbahn überfahren zu werden. So kam es, daß er in Düsseldorf beerdigt wurde. Und so kam es, daß wir uns um sein Grab auf dem Stoffeler Friedhof in Düsseldorfs Süden kümmerten.
Ich hab das damals schon geliebt. Blätter vom Grab sammeln, saisonmäßig bepflanzen, Unkraut zupfen, Kerzchen anzünden, Gießen, zu Allerheiligen ein Gesteck auflegen, zu Weihnachten ein kunstschneeberieseltes Bäumchen aufstellen.
Meine Mutter und ich pflegten dann auch das Grab meines Opas in Ohligs, weil meine Oma mit über 70 Jahren beschlossen hatte, meinem verwitweten Onkel und seinen zwei Söhnen den Haushalt zu führen und dazu an die holländische Grenze zog.
Als sie zwanzig Jahre später starb und zurück zu ihrem Mann kam, pflanzten wir keine Stiefmütterchen mehr aufs Grab. Die mochte sie nicht.
Ich pflegte das Grab dann, bis es aufgelöst wurde.
Unterdessen war mein Patenonkel Willy auf dem Stoffeler Friedhof beerdigt worden. Wieder ein Grab, das ich pflegen durfte.
Und obwohl andere Friedhöfe eigentlich günstiger lagen, wurde dann auch mein Vater auf dem Stoffeler Friedhof beerdigt. Da hatte ich beide Gräber am gleichen Platz.
Inzwischen liegt auch meine Mutter dort. An Onkel Willy erinnert noch eine Gedenktafel auf dem Grab meiner Eltern. Und ich kümmere mich.
Ich mag Friedhöfe.
Natürlich braucht man keine Grabstätte, um sich an jemanden zu erinnern. Täglich gibt es irgendeinen Moment, irgendeinen Anlaß und ich denke an meine Eltern. Oder an Onkel Willy.
Aber ein Grab ist über den Tod hinaus etwas letztes Gemeinsames. Das Grab zu pflegen, ist noch immer etwas, was ich für meine Eltern tun kann. Ich weiß, es würde ihnen gefallen. Und sie würden sich freuen.
Ich mag Friedhöfe auch anderswo. In anderen Städten. Anderen Ländern.
Sie erzählen so wahnsinnig viele Geschichten. Sehr traurige von verlorenen Kindern und früh verstorbenen Ehepartnern, von Paaren, bei denen der Überlebende schnell die Lebenslust verlor, von Menschen, denen ihre Leidenschaft zum Schicksal wurde. Aber auch schöne von lebenslang währenden Liebesgeschichten und von friedlich zuende gelebten Leben.
Ich glaube ja tief in meinem Kinderherzen, daß all die geliebten Verstorbenen einen weiter begleiten und behüten.
Ich nenne sie meine himmlischen Heerscharen. Und wenn ich höheren Beistand benötige, dann bitte ich sie um Unterstützung. Mir scheint, sie tuen dann wirklich, was sie können. Und das ist viel.
Ich mag auch die Geschichten, in denen Friedhöfe wie kleine Städte sind, wo die Bewohner nachts aus den Gräbern steigen und ihr Leben nach dem Tod miteinander leben,
Ich kenne Leute, die meiden Friedhöfe, so gut es nur geht.
Die Grabpflege wird einem Friedhofsgärtner übertragen. Und allerhöchstens schaut man einmal im Jahr vorbei.
Ich mag Friedhöfe.
Ich spaziere gerne über Friedhöfe.
Und ich gärtnere gerne dort.
Und deshalb pflanze ich heute Stiefmütterchen bei meinen Eltern und Onkel Willy.
Sie mochten die immer.