Die Seele.
Ich bin ja katholisch sozialisiert.
Und was ich mir davon bis heute bewahrt habe, das ist vor allem mein Kinderglaube.
Ich fand zum Beispiel als Papakind die Vorstellung, daß Gott ein gütiger älterer Mann sein könnte, eher sehr beruhigend. So fühlte ich mich immer gewollt, akzeptiert und beschützt.
Und ich fand schon als Kind, daß es keine schönere Geschichte geben kann, der Entstehung der Welt eine erzählerische Form zu geben, die der beschränkte menschliche Geist auch fassen kann, als die Schöpfungsgeschichte. Samt Paradies und Eva mit dem Apfel. Ich fand nur auch schon als Kind, daß das mit dem Sündenfall falsch verstanden oder auch nur mißverständlich formuliert worden war.
Die Menschen, im Paradies noch in der Unschuld befangen, die Tiere ausmacht und sie daran hindert, etwas bewußt Böses zu tun, wollten lieber Erkenntnis als Unschuld. Das ist ja irgendwie auch heute noch so. Doch wer von der Erkenntnis gekostet hat, der kann unterscheiden zwischen Gut und Böse. Und sich entscheiden, was davon er tut. Und weil Gott ahnte, daß der Mensch, auch wenn er am Ende der Schöpfungswoche geschaffen wurde, eine echte Montagsproduktion gewesen ist, wußte er schon, daß er sich ab jetzt unausweichlich in Schuld und Sünde verstricken würde.
Bis auf die wenigen Heiligen.
Die ich schon immer sehr mochte.
Weniger die Märtyrer, die fand ich meistens einfach zu fundamentalistisch. Mit ein bißchen rheinischer Einstellung zur Religion hätten die meisten davon gut überleben können.
Aber die anderen mochte ich. Die mit den Tieren redeten oder ihre Erkenntnisfähigkeit für Naturwissenschaftsstudien nutzten, die ihren Reichtum verschenkten oder zumindest teilten oder Nichtschwimmer übers Wasser trugen, die hatte ich gerne.
Auch die Vorstellung, daß diese Heiligen im Jenseits noch immer damit beschäftigt sind, Gutes zu tun, und dafür die Ressorts unter sich aufgeteilt hatten, fand ich schön und beruhigend.
Zumal der Heilige Anton in unserer Familie schon seit Generationen zuverlässig dafür sorgt, Verlorenes wiederzufinden. Selbst mein atheistisches Kind muß zugeben, daß das Stofftier, das sie in NotreDame verloren hatte, sich zu Füßen des Heiligen Anton wiederfand. Und nein, das war nicht nur ein Kirchenbesucher, der auch wußte, welches Ressort unser Familienheiliger hauptamtlich betreut.
Vor allem, nachdem im Laufe der Jahre mein Glaube daran, daß Gott sich je in menschliche Belange und das Weltgeschehen einmischen würde, gegen Null geschwunden ist, finde ich es sehr tröstlich und beruhigend, daß mir mit den Heiligen und den eigenen Verstorbenen nachwievor Himmlische Heerscharen zur Verfügung stehen, die ich im Not-und Ernstfall um ihren Beistand und Schutz bitten kann.
Mein Onkel Willy zum Beispiel ist im Jenseits fürs Wetter zuständig. Die vielen Feste, bei denen er uns inmitten einer Schlechtwetterphase die nötige Sonne herbeizauberte, der Friedhofsbesuch in Berlin, wo Regen und Sturm genau so lange pausierten, wie ich zum Grab unterwegs war, oder der Regenbogen über dem Bodensee, der genau in dem Moment erschien, als ich rief „Wenn es schon regnet, Onkel Willy, dann schick einen Regenbogen!“….es kann gar keinen Zweifel geben, er tut, wie schon zu Lebzeiten, auch dort immer sein Bestes.
Und ich glaube ganz fest an die Seele.
Ich bin absolut sicher, daß es außer unserem biologischen Ich noch etwas gibt, das in uns lebt und uns ausmacht.
Ein Schöpferfingerabdruck vielleicht.
Und ich gehe noch weiter und halte es mit den japanischen Shintoisten: Ich glaube nicht nur, daß alles, was lebt, eine Seele hat, Menschen und Tiere und Pflanzen, ich glaube, daß auch Dinge eine Seele haben.
Ja, ich bin bekennender Animist.
Ich gehören zu jenen Bekloppten, die von Zeit zu Zeit die Gläser aus der hinteren Reihe nach vorne stellen, damit die nicht traurig sind, weil sie nie dran kommen.
Ich kaufe den Teddy mit dem schiefen Grinsen oder dem einen Auge, weil ich glaube, er leidet darunter, daß ihn niemand liebt.
Daß ich heile Dinge nicht gut wegwerfen kann, sondern lieber weitergebe und verschenke, hat auch etwas damit zu tun.
Nachhaltigkeit ist für mich nicht nur ökologische Vernunft, sondern auch Respekt vor den Dingen. Ich male meine alten Küchenstühle lieber zum sounsovielten Mal in der aktuell passenden Farbe an, als neue zu kaufen. Und auch ein 100 Jahre alter Tortenteller mit einem Sprung darf noch weiter seine Dienste tun, er ist halt nur alt.
Die Seele in der Welt, in den Lebewesen, den Pflanzen, den Naturphänomenen und den Dingen…egal, ob sie eine Spur dessen ist, der sie erschaffen hat, oder ein Rest der Unschuld, mit dem alles ins Dasein startet….es schadet nie, an sie zu glauben.
Man läuft einfach weniger Gefahr, sich für wertvoller zu halten als alles andere.